Denkanstoß von Pastoralreferent Uwe Schindera

veröffentlicht in der Esslinger Zeitung am 24.September 2020

Unverhofft kommt oft

Neulich sagte beim Stammtisch unser jüngstes Mitglied: „Ja, ja, unverhofft kommt oft!“ Es kommt ja öfter vor, dass am Stammtisch philosophiert wird. Aber dass ausgerechnet Günne damit anfängt, hätte keiner von uns gedacht. „Ja,“ sinnierte er weiter, „irgendwie bleibt im Leben immer ein Restrisiko.“ Langsam aber sicher wurde es ruhig in unserer Runde. Denn jeder konnte Günne zustimmen mit Erlebnissen aus dem eigenen Leben. Günne selbst hatte schon einen Herzinfarkt hinter sich. Gérard erwischte der Tod seines Bruders wie aus heiterem Himmel und Tom zog es regelrecht die Füße unter den Beinen weg, weil ihm wegen der jetzigen wirtschaftlichen Lage die Kündigung droht.

Trotz unserer gegenseitigen Betroffenheit, oder vielleicht auch gerade deshalb, ging unser philosophisches Gespräch weiter. Manne brachte noch einen anderen Gedanken mit ein. Wieso erzählen wir uns eigentlich nur negative Dinge. Gibt es nicht auch das sogenannte „unverhoffte Glück“? Also die Momente im Leben, die uns von Grund auf berühren, weil wir diesen Moment kaum fassen können? Dazu gehöre für ihn die Geburt seiner Kinder. Auch Günne elektrisierte dieser Gedanke. Durch das rasche Eingreifen des Notarztes wurde ihm sozusagen die Chance eines zweiten Lebens geschenkt. „Und ich“, ergänzte Gérard, „habe vor 40 Jahren meine große Liebe geheiratet.“

Unverhofft kommt oft, heißt es im Volksmund. „Aber“, so warf ich in die Runde ein, „wieso betriff es uns so existentiell, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht?“ Klar, wir sind Menschen mit Gefühlen. An uns geht eben Vieles nicht spurlos vorbei. Da erwiderte Tom, der uns, fast wie immer, einen Gedankengang voraus war. „Wir leben doch alle in einer Welt, in der nichts unmöglich scheint.“ Weiter argumentierte er, lebten wir in einem System, das uns allen einflüstert: Wir haben alles im Griff! Wir können alles und nichts ist uns fremd. Wie zum Beweis fuhr er fort, von wie viel Krankheiten wir geheilt werden können, unsere Technik Lösungen für etliche Probleme parat hat und Wissenschaft uns mit Erkenntnissen versorgt, wovon unsere Vorfahren nicht einmal zu träumen gewagt hatten. Und genau das war der Punkt, da waren wir uns dann einig: Eigentlich lassen wir uns davon einlullen. Ist uns nicht die schöne Welt versprochen? Alles machbar, alles im Griff, alles vorhersehbar. Wir kommen dabei nicht auf die Idee, dass es das Unvorhergesehene geben könnte. Man wird es für uns schon richten.

„Möchten wir da überhaupt noch die Verantwortung für das eigene Leben tragen?“ stellt Tom die rhetorische Frage. Sollen das doch die Wissenschaftler, die Techniker, die Politiker, die Unternehmer tun. Die wissen alles besser und werden uns schon vor allen Schrecknissen bewahren. Wehe aber, ihre Versprechungen werden nicht eingelöst! Bei manchen von uns erwacht dann der Wutbürger, der Verschwörungstheoretiker, oder der Besserwisser.

„Was ist eigentlich mit der Liebe, dem Glauben und der Hoffnung?“ fragte ich. Sie sind doch auch Geschehnisse, auf die wir kaum einen Einfluss haben. Glaube, Liebe und Hoffnung, alle drei, sind weder planbar, noch herstellbar, geschweige denn irgendwie fassbar. Und doch existieren sie, ja, sie sind existentiell für unser Leben. Ohne sie gibt es keinen Trost, keinen Mut, keine Zärtlichkeit, keine Wahrhaftigkeit und noch nicht einmal so etwas Selbstverständliches wie die Hilfsbereitschaft. „Nur so lässt sich doch das Unverhoffte genießen bzw. das Restrisiko im Leben aushalten. Ohne den Glauben, die Liebe und die Hoffnung verkommen wir zu Zombies.“

Doch wie gehen wir damit um, da man sich ja nicht alle drei Kommando aneignen kann? Jetzt, so schien es mir, waren wir am entscheidenden Punkt unserer Diskussion angelangt. Alle schauten wir nun auf Tom. „Ja wisst ihr“, er kratzte sich am Kopf, “ich stelle mir das so vor: Wir brauchen in uns einen Raum, in dem etwas klingen kann. In dem Amors Pfeil der Liebe eindringen kann. Einen Raum der Leere, in dem das Licht der Hoffnung zum Leuchten kommt und in dem Gottes Ruf nach uns einen Widerhall findet.“ Erstaunt ob dieser Worte, schauten wir uns alle verblüfft an. Ja, Tom schien Recht zu haben. Die drei Lebenseinstellungen Glaube, Liebe und Hoffnung sind die richtige Reaktion auf Unverhofftes, das uns belastet und schmerzt.

Wir prosteten uns zu und tranken unsere Gläser leer. Es war wieder schön und bereichernd beim Stammtisch!